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Philosophie


प्रथम काम, बाद में दाम मिले तो, दाम जीतना काम। यह तो हुई परमात्मा की सेवा। अगर दाम पहले मांगोगे तो वह हुई शैतान की सेवा।
   - M.Gandhi  

Der lange Marsch für die Landlosen

 
In Indien gibt es heute 57 Millionen von landlosen Pächtern (11 Millionen Haushalte), die lebenslang als Knechte für den Eigentümer des Bodens arbeiten, der oft in der Stadt wohnt. Als „landlos“ bezeichnet man, wer weniger als 0.002 Hektar besitzt. Jeder zehnte Bauer scheint heute von dieser Armut betroffen, und Vinoba bemühte sich mit Erfolg, ein Klima der Einsicht und Einvernehmlichkeit zu schaffen, in dem die Eigentümer das Land dem übereigneten, der es bebaute. Vor Vinobas Fußmarsch waren 50% der Bauern landlos. Es ist schwer, genaue Statistiken zu bekommen.-

1956: sieben Jahre nach Gandhis Tod war ich 1 1/2 Jahre lang Lehrling in dessen Reformschule in Sévagram.


Meine Lehrerin führte mich Vinoba zu etwa um fünf Uhr morgens, nach Sonnenaufgang, als alle schon längst kräftig ausschritten.. Er marschierte an der Spitze und lud mich ein: „Tell me the story of your life". Ich lief neben ihm her und erzählte im Monolog eine Viertelstunde lang, insbesondere über die mich bedrückende Dritte-Reichs -Judenvernichtung, und die Frage meines 24 Jahre jungen Lebens auf der Flucht vor meinem Geburtsland: wie vermeide ich Schuld (Albrecht Speers Frage)?. Er ließ mich ausreden und riet mir, da ich Landsmann selbstloser Gelehrter sei, Sanskrit zu lernen (das erwies sich dann als zu schwer). Dank dieses Interviews nahm ich mich wieder als Deutscher an! ... Vinoba ist der Peripatetiker der von Tagore erträumten „Pilger-Universität" (lehrte Aristoteles nicht im Gehen?). Im Gehen und im Rasten gibt er Sanskritunterricht, oder er empfängt selbst Unterricht, z.B in Französisch, Esperanto, Deutsch.-


Er rief mich während einer Rast, ich möge ihm etwas vorsingen. Ich sang jämmerlich, denn ich singe leider falsch, „Am Brunnen vor dem Tore", „Wenn ich ein Vöglein wär“ - mir  vertraute Volkslieder, und sehr höflich versuchte er, leise den Takt dazu zu klatschen. Einmal, nach Vollendung seines (der indischen Menschheit vorausdenkenden) Tagwerkes lud er mich zu einem Abendspaziergang mit seinen engeren Mitarbeiterinnen ein. Ich erinnere mich an ein plätscherndes Bächlein und an seine totale Sorglosigkeit bei diesem „Müßig-Gang", und dass man mich, der ich auch heute noch leicht mürrisch in die Welt schaue, erfolglos in heitere Gespräche verwickeln wollte.-Hier war ein Mann, der das Passive in der Gewaltlosigkeit in aktive Liebe umwandeln konnte.


Meine Zeit traf zusammen mit der Blütezeit der freiwilligen Bodenreform. Vinoba war in Höchstform. Er hatte sein zweistündiges Pensum an Gebet und Spinnen schon absolviert, wenn wir uns um 0400 morgens den Schlaf aus den Augen rieben.  Perfekte Logistik; nichts bleibt zurück; und wenn die Sonne aufgeht, marschieren wir schon längst querfeldein, bei jeder Witterung, Frühstück nach bis 15 Kilometern im nächsten Dorf. Vinoba setzte die Füße, die ihn über 100.000 Meilen trugen, ganz parallel. Nicht einwärts, womit er sich als schüchtern zeigen würde, auch nicht auswärts. -Vinoba schaute die Menschen zwar aufmerksam an, aber gleichzeitig blickte er auch nach innen und an ihnen vorbei, ganz im Gegensatz zum vereinnahmenden Blick von Gurus, zum riesigen Seherblick Picassos, zum wie ein Laserstrahl den Gesprächspartner durchschauenden Blick von Tolstóy.-


Vinoba trank seine wenige Milch langsam, als wenn er sie kauen würde. Er war ein exzellenter Koch. Er spielte gern Schach. Er beherrschte die Grammatik von 14 Sprachen Indiens, und diskutierte mit seinem südindischen Dolmetscher Lávanam (Sohn des berühmten indischen Atheisten GORA), welches Fachwort in Kánnarese z.B. nun besser sei.. Vinobas „Gespräche über die Gita“ habe ich in 16 Sprachen, für die 6 verschiedene Alphabete verwendet werden. Er verbesserte das Sanskritalphabet in ->„Lookanaagari".. Er schrieb Schulbücher über Innenpolitik, die Kunst des Spinnens, die Weltreligionen. Dank seiner Jahre im Gefängnis hatte er gelernt, fehlerfrei den Koran zu rezitieren! Eine sprachliche Leistung! Aber auch  beachtlich, da Hindus und Muslime „Erbfeinde“ sind. Er fasste die Lehre des Buddha in einer Schrift zusammen. Sein Büchlein über die christliche Religion scheint von einem unserer Theologen geschrieben zu sein. Ich besitze es.


Unser Johann Gottlieb Seume (1763-1810), „Spaziergang nach Syrakus", und der Berliner Zeichner Heinrich Zille (1858 -1929 ) mit seiner Liebe für die Leute in den Hinterhöfen , sie hätten in ihm einen Kollegen gehabt. Insgesamt begleitete ich seinen „Wanderzirkus" im südindischen Shrikákulum- District über 300 Kilometer 1 Monat lang, von einer Predigt zur nächsten. Er bat sowohl die Landbesitzer als auch die Landlosen um das ehrenamtliche Teilen nicht nur von Land, sondern auch von ihren (musikalischen?) Talenten, ihrer kostbaren Zeit, ihrem Geld, und mindestens bat er um einen Beitrag an körperlicher Arbeit- jeder nach seinem Vermögen. Das alles vorgetragen mit sanftem Mut, mit Sanftmut.

„Le nouveau Pèlerinage" von Lanza del Vasto (Denoël. Übersetzt von Manfred de Voss als „Der König der Armen“) berichtet darüber meisterhaft, und der von Lanza erwähnte Aditya war mein Zeitgenosse in Sévagram. Aber auch ein in nicht- indischem, also originalen Englisch geschriebenes Heftchen des Quäkers Donald Groom, oder ein Kapitel aus „Yogi und Kommissar" von Arthur Köstler, oder von Geoffrey Ostergaard „The Gentle Anarchists“, oder das gut lesbare Buch des Dichter-Enkels Hallam Tennyson „Saint on the March =The Walking Saint" dokumentieren die gewaltlose Revolution. Ausgangspunkt der BhuDan-Landschenkungs-Bewegung war die Ermordung von 300 Großgrundbesitzern gewesen, als die Kommunisten ihre  Bodenreform anpackten.. Vielleicht verstand nur die Hälfte von uns Marschierenden den Ernst der Stunde, nämlich eine Alternative zum Blutvergießen einzuüben!!! Vinoba schaffte lediglich ein Klima der einvernehmlichen Lösung des Landproblems, den Rest muss der Gesetzgeber tun.

-Kein Gringo, kein Fremder war ausgeschlossen Es liefen weitere ahnungslose Parasiten wie ich mit. Ich machte mich in nichts nützlich, konnte ja auch den Lebensstil und die Anliegen der Analphabeten nicht nachvollziehen, und so bedeutete dieser Marsch für eine gerechtere Welt für mich nur wunderbarsten Tourismus, das hieß täglich einen vollen Magen durch das Gastmahl, welches für die vielen Dutzend Mitläufer die Dorfgemeinschaft liebevoll zubereitet hatte; Über eines von Indiens 560 000 „zurückgebliebenen“, aber schönen Lehmdörfern schwärmten die Wanderer für jeweils einen Tag und eine einzige Nacht her und fraßen es ein bisschen kahl. Auch bei stürmischem Regen, Kälte, sengende Hitze, über Hügel und Brücken,: ohne Pause, vor Tag und Tau weiter...-


Kein Gringo, kein Fremder war ausgeschlossen Es liefen weitere ahnungslose Parasiten wie ich mit. Ich machte mich in nichts nützlich, konnte ja auch den Lebensstil und die Anliegen der Analphabeten nicht nachvollziehen, und so bedeutete dieser Marsch für eine gerechtere Welt für mich nur wunderbarsten Tourismus, das hieß täglich einen vollen Magen durch das Gastmahl, welches für die vielen Dutzend Mitläufer die Dorfgemeinschaft liebevoll zubereitet hatte; Über eines von Indiens 560 000 „zurückgebliebenen“, aber schönen Lehmdörfern schwärmten die Wanderer für jeweils einen Tag und eine einzige Nacht her und fraßen es ein bisschen kahl. Auch bei stürmischem Regen, Kälte, sengende Hitze, über Berge und Flüsse mit Brücken, mit. Eine Nacht schliefen wir wieder einmal auf dem blank gereinigten Zementfußboden einer Dorfschule. Vinobas bildhübsche Sekretärinnen und ich im gleichen Raum zusammengedrängt, als ein wilder Sturm losbrach, und die Mittelsäule einstürzte. Diese Damen, eine davon heißt Kusum=Blüte ( und ich sah sie Jahrzehnte später  als eine der Verantwortlichen im Frauenaschram Vinobas wieder)., versuchten mir klar zu machen, dass die bei Vinoba sinnvolle (weil Fülle bedeutende) Keuschheit bei mir noch unsinnig wäre, solange sie keine Fülle enthält.


Heute weiß schon jeder Oberschüler, welcher Widersinn sexuelle Verklemmtheit ist, aber es fehlt ihm an lebendigen Vorbildern von glaubwürdiger, weil Lebensfülle bescherender, Zurückhaltung, beschrieben mit dem Begriff   Brahmatschaarya (Zölibat ist weniger) und vorgelebt z.B. von Vinoba… Gespräche während des Sturmes ……. Vortrefflich, dass Lanza del Vasto in seinen Gemeinden Ehepaare, Paare, Familien und Ledige als voll gültige Klostergeschwister aufnahm. Nicht so wie im allerersten Nur-Frauen-Aschram in Indien, den Vinoba gegründet hatte.. –


In den 60ger und 70ger Jahren, in Südamerika, hörte ich vom 17ten Jahr der „BhuDan-Bewegung" kreuz und quer durch Indien, die dann immer schwächer wurde.. Vinoba wurde von Indira 4avanciert zum Saint of the Government, leider in Gegenposition zu Jaiprakash Narayn=JP, dem hervorragenden  Kämpfer gegen die Korruption. Zu meiner Zeit war Vinoba graubärtig bis weißhaarig, auf einem Foto wenige Jahre vor seinem Tod aber sah ich ihn mit pechschwarzem Haupthaar. Als jemand, der die Glaubwürdigkeit der Priester der peruanischen Staatsreligion erschüttert sah auch durch ihre Bemühung um sekundäre Geschlechtsmerkmale wie eine attraktive Haartracht, war ich erst mal enttäuscht vom Foto des späten Vinoba, bis ich merkte, dass er immer experimentierte und nicht wie Gandhi das ganze Leben lang den gleichen Schnurrbart beibehielt.. Am Ende war „Baba“ bartlos.


Er soll uns in Erinnerung bleiben als ein gelernter Kompostierer, als Textilfachmann, vor allem  als Strassenkehrer und Latrinenleerer, aber gleichzeitig als Universal- Gelehrter und Innenpolitiker, kein Fundamentalist der veraltenden Schulen. Als einer, der Neues ersann- und vor allem Neues probierte . Zum Beispiel verbot er seinen Verehrern, sich vor ihm tief zu verneigen, wozu Atscharyas =Gelehrte sonst berechtigt sind. Die Gebetsversammlungen unter freiem Himmel, offen für jedermann, in denen soziale und politische Themen behandelt wurden, passen auch nicht in das Hindu-Schema. Er ging oft über Gandhi hinaus, war nie dessen Klon. Vinoba war ein Original wie Don Quijote, aber ohne dessen Wahn - vielmehr einer, der als Liebhaber der Mathematik klar und volkstümlich formulierte                „Seht mich als Euer nachgeborenes sechstes Kind an. Bitte teilt das Erbe neu auf!".


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